100 Jahre      Mikrobiologische Vereinigung München e. V.     1907 - 2007
 


Liane


Was ein mikroskopisches Präparat, die Kletterpflanze Macfadyena uncinata, eine Insel bei Guayana,
Alexander von Humboldt, einen Münchner Postoberamtmann und
die botanische Nomenklatur miteinander verbindet.




Stammquerschnitt Macfadyena uncinata Abb. 1

Rasiermesser-Handschnitt von Postoberamtmann Ferdinand RIEGER, gefärbt mit Zellolignin A. H., entwässert in Terpineol und eingeschlossen in Kanadabalsam am 8. Mai 1932. Die Färbung ist wegen des unterschiedlich dicken, auskeilenden Handschnitts ungleichmäßig.
Der Querschnitt hat einen Durchmesser von 6 Millimetern.

Foto: Klaus Henkel, Dachau.
Hellfeldaufnahme.


Dieses Präparat hat mich beinahe zwanzig Jahre lang geärgert, denn trotz mancher Mühen konnte ich weder herausbekommen, um welche Pflanze es sich handelt noch die Beschriftung auf dem Etikett entziffern. "Macbadyma unduata" buchstabierte ich die krakelige altdeutsche Schreibschrift und "Stamm quer", doch fand ich eine solche Pflanze in keinem Botanikbuch. Immer wieder einmal habe ich das Präparat unters Objektiv gelegt, weil ich mir die eigenartige Struktur des kleinen Holzquerschnitts nicht erklären konnte.

Irgendwann war mir eine gewisse Ähnlichkeit mit dem Stengel von Aristilochia, dem Pfeifenstrauch, aufgefallen, und als ich dann beim Blättern in Molischs Anatomie der Pflanze zufällig auf einen verblüffend ähnlichen Stammquerschnitt einer Bignoniacee stieß, war der Groschen endlich gefallen.

Stammquerschnitt Adenocalymma marginatum

Abb. 2

Stammquerschnitt der Bignoniacee Adenocalymma marginatum.
Original. Fig. 164.
Aus: MOLISCH (1954)





Eine Liane aus Übersee, aus der Familie der Trumpet-creeper, der Trompetenblumen-Kletterpflanzen! Kein Wunder, daß ich ihren Namen in unseren Bestimmungs- und Lehrbüchern nicht gefunden hatte. Nun nahm ich die Recherche wieder auf und rekombinierte die vermeintlichen Buchstaben des Etiketts und ihre Abfolge von neuem, so daß ich schließlich nach vielen Versuchen fündig wurde. In 0,15 Sekunden lieferte die Suchmaschine Google 13.100 Einträge zu dem Familiennamen des schottischen Clans MACFADYEN und überdies noch einen dazu gratis auf die Trompetenblume:

Macfadyena uncinata (G. MEY.) A. DC. 1845.



Merkmale des Lianenstamms

Bei den Schling- und Kletterpflanzen, den Lianen, finden wir interessante Abweichungen im Dickenwachstum und im Aufbau des Stammes. Sie bilden bekanntlich verhältnismäßig sehr lange, schmale, seilartige Stämme, die an hohen Bäumen emporklimmen. In und über den Baumkronen breiten sie ihr Laub aus. Ihre Stämme legen sich entweder der Unterlage an oder baumeln wie Taue herab, werden von Wind und Sturm hin und her geschaukelt und geschüttelt und dabei stark auf Zug- und Biegefestigkeit beansprucht. Der seilartige Stamm trägt seine eigene Last, die recht beachtlich sein kann, wird durch sein Eigengewicht nach unten gezogen, im Wind hin und her gezerrt oder gar verdreht. Solchen Ansprüchen ist ein Organ am besten angepaßt, wenn der Holzkörper nicht eine kompakte Masse, sondern wie ein Seil gebaut ist: von weicherem Gewebe vielfach durchklüftete Stränge.

Das Mikrofoto Abb. 1 zeigt den Querschnitt durch den jungen Stamm einer Macfadyena uncinata. Auch bei Abb. 2 handelt es sich um einen noch jungen Stamm. Hier bleibt schon zu Beginn des sekundären Dickenwachstums an vier kreuzweise gegenüberstehenden Stellen, die den vier stärksten Rindenbündeln entgegengesetzt sind, der Holzzuwachs zurück, während der Zuwachs der sekundären Rinde entsprechend zunimmt. Der Holzkörper wird also durch kreuzweises Eindringen von weichem Phloemgewebe zerklüftet. Mit zunehmender Dicke des Stamms wird die Zerklüftung immer auffallender. Wenn die Phloemstrukturen nicht mehr oder weniger senkrecht den Stamm entlang verlaufen, sondern in der Längsrichtung auch schraubig verdreht sind, führt diese Zerklüftung letzten Endes zu einer ungewöhnlich torsionsfähigen Seilstruktur, besonders wenn durch Teilungen vom Mark her der ursprünglich geschlossene Holzzylinder noch nachträglich aufgebrochen und mit Parenchym gefüllt wird, wie das ebenfalls im Foto Abb. 1 deutlich wird.

Stammquerschnitt von Bignonia sp.

Abb. 3

Stammquerschnitt von Bignonia sp.
Der Holzkörper (hell) vielfach durch Bast (dunkel) zerklüftet.
Fig. 165. Nach FRANK.
Aus: MOLISCH (1954)

(MOLISCH, Hans: Anatomie der Pflanze. 6. Aufl., neu bearb. v. Karl Höfler. VEB G. Fischer Verlag, Jena 1954. S. 162-163.)





Zur Herkunft und Benennung unserer Liane

Bignonia uncinata G. MEY. 1818 Georg Friedrich Wilhelm MEYER (1782-1856) hat unsere Trompetenblume 1818 als erster beschrieben und sie Bignonia uncinata, die "hakenförmige" getauft. Dieser Artname ist das Basionym, die Erstbenennung.
Als Herkunft seines Belegstücks gibt Meyer an: "Britisch Guyana: In silivis insulae Arowabisch G. Meyer s.n." und "Surinam". (Primitiae Florae Essequeboensis ... 210. 1818.)
Die Familie Bignonia L. hat der Schwede Ritter Carl von Linné (1707-1778) nach dem Mönch J. B. BIGNON (1662-1743) benannt und 1753 in seinem berühmten Werk Species Plantarum 2: 622, veröffentlicht. Zu ihr gehören Gattungen von Trompetenbäumen, Klettertrompeten, Schönranken und Palisanderbäumen.

Spathodea uncinata (G. MEY.) SPRENG. 1825
K. SPRENGEL (1766-1833) ordnete 1825 die Trompetenblume der Gattung Spathodea zu und benannte sie um in Spathodea uncinata (G. MEY.) SPRENG.
(Systema Vegetabilium, editio decima sexta 2: 825. 1825.)
Die Gattung Spathodea P. BEAUV., schuf der französische Forschungsreisende, Moos- und Grasforscher Ambrose Marie Francois Joseph, Baron PALISOT DE BEAUVAIS (1755-1820). (Flore d'Oware 1: 46-47. 1805).
Sprengels Umbenennung entsprach jedoch nicht den neuen, internationalen Nomenklaturregeln, und der neue Name war deshalb ungültig. Da Meyer eine gültige und regelgerechte Beschreibung veröffentlicht hatte, hätte der Name, den er vergeben hatte, auch dann beibehalten werden müssen, wenn die Pflanze einer anderen Gattung zuzuordnen gewesen wäre.

Macfadyena uncinata (G. MEY.) A. DC. 1845
Alphons de CANDOLLE, (der Sohn; 1806-1893) ordnete 1845 unseren Trompetenkletterer schließlich der von ihm innerhalb der Familie der Bignoniaceae neu geschaffenen Gattung Macfadyena A. DC zu. (Prodomus Systematis Naturalis Regni Vegetabilis 9: 179-180. 1845.) Die Art heißt seitdem korrekt und vollständig:

Macfadyena uncinata (G. MEY.) A. DC. (Bignonia uncinata G. Mey.) 1845.

Die Datenbank der Missouri Botanical Gardens führt einen anderen Artnamen mit etwas abweichender Schreibweise als anerkanntes Synonym an, Macfadyena uncata (Andrews) Sprague & Sandwith 1808, für den eine Abbildung vorliegt.
(Published in: Botanist's Repository, for new, and rare plants 8: t. 530... 1808.
Type - protologue: French Guiana: Cayenne, flowered for the first time in England in the stove of A.B. Lambert, esq. at Boyton, introduced by Lord Seaforth s.n.)

Foto: A. Gentry.
Used with permission by courtesy of Missouri Botanical Garden, St. Louis.

Mich würde schon interessieren, wie der Postoberamtmann Ferdinand Rieger als Liebhabermikroskopiker zu einem so seltenen Stamm-Stückchen dieser exotischen Klettertrompete aus den Wäldern der Insel Arowabisch vor der Küste Britisch Guyanas gekommen ist. Daß es viele solcher Stückchen in Europa gab, ist nicht sehr wahrscheinlich. Vielleicht haben es Alexander von Humboldt und sein Reisegefährte Bonpland, die 1785-88 in der dortigen Gegend botanisierten, mit nach Berlin gebracht. Dort hat Carl Sigismund KUNTH in langjähriger Arbeit alle ihre Aufzeichnungen und Mitbringsel ausgewertet. Daß Rieger in den Jahren um 1924 engen Kontakt zur Märkischen Mikrobiologischen Vereinigung und ihrer Nachfolgerin, der Freien Vereinigung von Freunden der Mikroskopie in Berlin hatte, ist mir bekannt. Die beiden Berliner Vereine hatten unter ihren Mitgliedern eine Anzahl hochkarätiger Botaniker und Zoologen, da sind sicherlich auch mal seltene Objekte von Hand zu Hand gegangen. Vielleicht auch zu Freunden bis nach München.

Meinen Stammquerschnitt von Macfadyena uncinata mußte ich kürzlich umbetten, denn bei dem vielen Hantieren ist das Präparat von 1932 zu Bruch gegangen. In acht Stücke war der Objektträger zersprungen, das Deckglas in fünf. Auf dem größten davon klebte unbeschädigt der Riegersche Querschnitt. In einem Schälchen Xylol habe ich ihn abgelöst, dann in Caedax wieder eingeschlossen und - endlich - leserlich beschriftet.


Dachau, Oktober 2004
Klaus Henkel



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