100 Jahre      Mikrobiologische Vereinigung München e. V.     1907 - 2007
 


 

Ein Mitglied unserer Vereinigung:

Der Milben-Vitzthum


Von Klaus Henkel


"Auf einer unserer alten Programmkarten" schreibt Schulrat Auer, der Vorsitzende der MVM in den Jahren 1938 bis 1942, "können Sie die Ankündigung eines Vortrages über Milben von Herrn Dr. Graf Vitzthum finden. In der Einleitung dieses Vortrages hat er in seiner liebenswürdigen, witzigen und bescheidenen Art uns alle schön hereingelegt, indem er fragte: Sie kennen ja alle die Milben und wissen, was Milben sind. - Lebhafte Zustimmung. - Das freut mich, sagte er dann wissen Sie ja schon mehr als ich." - Ein kleiner Scherz; ein wenig spöttisch, wie es Vitzthums Art war. Denn die Zuhörer wußten, daß es auf der ganzen Welt niemanden gab, der die Milben besser gekannt und der besser gewußt hätte, was sie sind, als er:





Dr. phil. Hermann Ludwig Wilhelm
Graf Vitzthum von Eckstädt


Großherzoglich-sächsischer Kammerherr, Gerichtsassessor a. D.
Rechtsritter des Johanniterordens

Milbenforscher aus Leidenschaft
Mitglied der Mikrobiologischen Vereinigung München

* 16. Januar 1876 in Berlin       19. Mai 1942 in München







Analgopsis passerinus L.
eine Federmilbe unserer Hausspatzen und anderer Singvögel.
Sie sitzt oft in Massen an den Federn, von denen sie sich ernährt.
Aus Vitzthum 1929.

Schon länger als ein Menschenalter sind Graf Vitzthums Arbeiten über die Milben eine Grundlage für die Zoologie und die Veterinär- und Humanmedizin. Das ist eine lange Zeit, wenn man bedenkt, wie viele und schnelle Fortschritte die Wissenschaft in jenen Jahrzehnten machte. Die Krönung seiner wissenschaftlichen Leistungen war sein über tausendseitiger Beitrag über die Milben Acarina in Bronns Klassen- und Ordnungen des Tierreichs (1940 bis 1943). Die Exaktheit und Zuverlässigkeit seiner Beschreibungen sind beispielhaft und begründeten den Weltruf dieses einzigartigen Spezialisten auf dem Gebiet der Milbenkunde.




Der Lebenslauf

Hermann (III) Graf Vitzthum entstammt dem "zweiten Zweig des ersten Astes der zweiten Linie" der Grafen Vitzthum von Eckstädt, einem alten thüringischen Adelsgeschlecht. Sein Vater war Otto Rudolf Graf Vitztum von Eckstädt, königlich-preußischer Kammerherr, geb. 1831 in Berlin, gest. 1906 in Blankenese bei Hamburg. Seine Mutter Helene Bertha geb. Jenisch, 1844 - 1933, stammte aus einer der reichsten Familien Hamburgs.

Hermann besuchte bis 1896 das Lübecker Gymnasium (Katharineum), verließ es mit dem Reifezeugnis und studierte dann in Lausanne, München und Berlin vor allem Jura, schloß das Studium 1907 mit der großen juristischen Staatsprüfung ab und wurde damit Gerichtsassessor. Nebenher hatte er aus Neigung planvoll zoologische, botanische, geologische und paläontologische Vorlesungen gehört. So wurde ihm schon vor der Beendigung seiner juristischen Ausbildung klar, daß er nicht zum Richter oder Verwaltungsbeamten geboren war. Seine Neigung und Begabung zogen ihn vielmehr zur naturwissenschaftlichen Forschung. Noch während der Universitäts- und Referendarsjahre erbat er sich wiederholt Urlaub für größere Reisen.

Im Jahre 1900 hielt er sich längere Zeit im Osten Nordamerikas zu wirtschaftlichen und sozialen Studien auf, und 1906/7 war er in Ägypten und lernte dort zur Vorbereitung weiterer Reisen in die Nilländer die arabische Sprache. Auch fast alle Länder Europas sowie Marokko und Tunesien hatte er schon besucht, ehe er nach dem Assessorexamen 1907 die Jurisprudenz an den Nagel hängte und sich ganz der Naturwissenschaft widmete. Zunächst kehrte er nach Ägypten zurück und durchstreifte mit dem russischen Geografen und Ethnologen Alfred Hans aus Odessa die Nubische Wüste zwischen Nil und Wadi Halfa bis Kene einerseits und dem Roten Meer andererseits, danach durch die sudanesischen Provinzen Dongola und Khartum bis zur abessinischen Grenze.

Nach Abschluß der afrikanischen Reisen siedelte Graf Hermann 1908 nach Weimar über, wo er die Stelle eines Kammerherrn beim Großherzog von Sachsen-Weimar übernahm. Er ließ sich dort nieder, erwarb ein Villengrundstück mit großem Garten, in dessen Gewächshäusern er zu seiner Erholung seltene Orchideen und edle Rosen züchtete. Auf nachdrückliche Anregung Ernst Haeckels widmete er sich vornehmlich zoologischen Studien. 1908 heiratete er Hedwig Eleonore Gräfin von Bernstorff (1882 Würzburg - 1940 Mittenwald). Der Ehe entsprossen zwei Töchter und ein Sohn.

Da er wegen einer Beinverletzung nicht Soldat werden konnte, nahm sich Graf Hermann im Weltkrieg von August 1914 bis Oktober 1918 als Delegierter des Johanniterordens beim Roten Kreuz der Krankenpflege an. In den ersten Kriegsjahren war er in Frankreich und Polen, zuletzt auf dem Balkan. Im letzten Kriegsjahr hatte er durch Förderung seitens des Zaren Ferdinand von Bulgarien auch Gelegenheit, faunistische Studien südlich der Donau bis zur albanisch-griechischen Grenze zu betreiben. Nach Kriegsende setzte er seine zoologischen Forschungen zunächst in Weimar fort und nahm sich des bis dahin noch kaum berührten Teilgebietes der Parasitenkunde, der Milben an.

Die Inflation beraubte ihn aller Mittel, er mußte seinen Weimarer Besitz aufgeben und sah sich gezwungen, seinen Wohnsitz mit der Familie 1919 nach Mittenwald und 1922 nach München (Tengstraße 26 Gartenhaus) zu verlegen. Dort half er sich unter anderem durch Mitarbeit bei einer Versicherung durch, wobei ihm seine juristische Ausbildung zustatten kam. Auch in diesen Jahren der widrigen äußeren Verhältnisse blieb er den Wissenschaften treu und arbeitete mit bewundernswerter Hingabe und Beharrlichkeit intensiv auf dem Gebiet der Milbenkunde weiter, wie unter anderem seine Veröffentlichungen über die Bienenmilben beweisen.


Ensliniella parasitia
Weibchen,
oben: dorsal;
unten: ventral
Aus Vitzthum 1925.



Am 9. September 1924
trat Hermann Graf Vitzthum der Mikrobiologischen Vereinigung München e. V. bei
und blieb bis zu seinem Tode ihr Mitglied, zuletzt Ehrenmitglied.

In diese Zeit (März 1925) fällt auch seine Promotion zum Dr. phil. an der Universität Jena, mit der Dissertation Die unterirdische Acarofauna. Hauptfach Zoologie, Nebenfächer Botanik und Geologie. Schon vor der Promotion zum Dr. phil. hatte er 32 Arbeiten über Milben veröffentlicht.

Ensliniella parasitica,
Deutonymphe, ventral.
(Parasit von Grabwespen.)
Aus Vitzthum 1925

Es hatte nicht an ihm gelegen, daß er in seiner Weimarer Zeit nicht längst promoviert hatte. Von Anfang 1926 an war Graf Vitzthum beim Preußischen Landwirtschaftsministerium in Berlin als wissenschaftlicher Hilfsarbeiter tätig. Man hatte ihn nach dort berufen, um seine gediegenen Spezialkenntnisse als Acarologe (Milbenforscher) an geeigneten Stellen einzusetzen. Er erhielt einen doppelten Auftrag; einmal an der Klinik für kleine Haustiere (der ehemaligen Tierärztlichen Hochschule Berlin) über milbenparasitäre Hautkrankheiten und ferner am Institut für Bienenkunde (ehemalige Landwirtschaftliche Hochschule Berlin) über die Milbenseuche der Bienen. Beide Aufträge endeten, weil dem Landwirtschaftsministerium das Geld ausging, obwohl Vitzthum oft zugesichert worden war, es sei das Ziel des Ministeriums, ihm eine feste, auch wirtschaftlich gesicherte Position zu geben. An der Tierärztlichen Hochschule kam eine feste Anstellung nicht infrage, mit der dünnen Begründung, er sei nicht Veterinärmediziner. So war er schließlich bis Juli 1930 nur noch am Institut für Bienenkunde tätig.

Im Juli 1932 erhielt er endlich eine Stelle als Assistent am Zoologischen Institut der ehem. Landwirtschaftlichen Hochschule Berlin und dem späteren Institut für Landwirtschaftliche Zoologie der Universität Berlin. Diese Stellung hatte er bis 1934 inne. Dann ermöglichte ihm ein Familienstipendium der Vitzthums, sich ganz seinem Spezialgebiet zu widmen, und er siedelte von neuem nach München über (Linprunstraße 63 - Haus steht nicht mehr, wurde durch Bomben zerstört). Er wollte nun in stiller Zurückgezogenheit seinen wissenschaftlichen Neigungen weiter leben und noch an einem größeren, zusammenfassenden Werk über Milbenkunde weiterarbeiten. Dessen erster, 800 Seiten umfassender Teil, ausgestattet mit 486 Abbildungen, ist noch zu seinen Lebzeiten erschienen. Im Oktober 1941 erkrankte er an einer schweren Lungen- und Rippenfellentzündung, begleitet von Herzstörungen. Im Frühjahr 1942 lebte die Rippenfellentzündung wieder auf und führte zusammen mit Herzschwäche am 19. Mai zum Tode. In Mittenwald fand er seine letzte Ruhe.






Der Wissenschaftler und seine Milben

Der Lebensweg und die wissenschaftliche Laufbahn von Dr. Hermann Graf Vitzthum sind ungewöhnlich, wie schon die späte Promotion mit fast 50 Jahren anzeigt. Aber ungewöhnlich und bemerkenswert ist auch die vollbrachte Leistung auf einem selbstgewählten, technisch besonders schwierigen Spezialgebiet, zu dem er durch Neigung gefunden hatte und in dem er zu einem einzigartigen Spezialisten geworden war. Zu den Milben führte Vitzthum sowohl die eigene Neigung als auch - wie er selbst angibt - die besondere Ermunterung durch Professor Ludwig (Greiz). Mit einer größeren Arbeit, Über einige auf Apiden lebende Milben (I bis VI; Zeitschr. f. wissenschaftliche Insektenbiologie, 2. Folge, Bd. 8, Heft 2-9; 1912) trat er zum ersten Mal in die wissenschaftliche Öffentlichkeit.

Analges nitzschi Hall.
Männchen. Heteromorphe Form.
Rumpfende ventral mit kurzem Penis, tellerförmigen Copulationshaftnäpfen,
abnorm entwickeltem dritten u. verkümmertem vierten Beinpaar.
Aus Vitzthum 1923.

Eigenartiges, technisch besonders Diffiziles hatte ihn auch auf botanischem Gebiet gereizt, wie seine gelungenen Züchtungsversuche seltener Orchideen aus Samen. Die Herrichtung brauchbarer Präparate von Milben ist ganz besonders mühsam - ein Grund, weshalb der Acarologie sich nur Persönlichkeiten widmen, die Neigung und technisches Können hierzu befähigen. Nicht minder mühsam ist die Deutung der Präparate sowie die peinlich genaue zeichnerische Wiedergabe der Objekte. Auf diesen Gebieten war Vitzthum ein Meister, wie es nur ganz wenige vor ihm gegeben hat. Aber gerade die Vielheit der Arten, die Kleinheit und ungeheure morphologische Mannigfaltigkeit reizten ihn, sein ganzes Können einzusetzen. Seine Präparate und Bilder von Milben sind glänzende Beweise seines mikrotechnischen Könnens, seiner Zeichenkunst und seiner Beobachtungsgabe auch der minutiösesten Einzelheiten. Nie verließ Vitzthum sich auf unklare Beschreibungen anderer Autoren. Er überzeugte sich selbst durch genauestes Studium der Objekte davon, welche Form er vor sich hatte.

Mit derselben Exaktheit widmete er sich der Milbenliteratur, die er beherrschte wie kaum einer vor ihm. Die Behandlung des Schrifttums über Milben, namentlich über die praktisch so wichtigen parasitären Arten, war mit besonderen Schwierigkeiten verknüpft. Die meisten Publikationen auf diesem Gebiet stammten damals nämlich nicht von Zoologen, sondern meist von Medizinern und Tierärzten, die sich weder um die zoologische Nomenklatur noch um die berechtigten systematischen Anschauungen kümmerten. Es ist Vitzthums besonderes Verdienst, auch hier nach vielen Jahren der Verwirrung mit sicherer Hand wieder Ordnung geschaffen zu haben.

Sein überragendes fachliches Wissen und die Exaktheit seiner Arbeiten schätzte man sehr und sein Name hatte inzwischen in der Milbenkunde, besonders in der Forschung und in der Bekämpfung parasitischer Milben Weltruf erlangt. Deshalb überließen ihm viele zoologische Expeditionen ihre Ausbeute zur Bearbeitung. Vitzthum hat, um nur einiges hervorzuheben, Milben-Ausbeute der Deutschen Limnologischen Sundaexpedition bearbeitet (Niederländisch-Indien, heute Indonesien, vor allem Krakatau- und Sundainseln, besonders Sumatra) sowie Malaya; ebenso Milben der Marquesas- und Gesellschaftsinseln (Tahiti), aus dem Sudan, von Mexiko, Südamerika (Venezuela).

Aus allen Ländern des Erdballs wandten sich Hunderte an ihn um Mitarbeit, um Auskunft und um Bestimmung von Arten und erbaten Ratschläge zu Bekämpfungsmethoden. Denn man wußte, daß er wie kaum ein anderer die Weltliteratur auf diesem Gebiet beherrschte - eine unerläßliche Notwendigkeit, um zu vermeiden, daß Bekanntes unter neuem Namen erscheint. Gerade in der Acarologie sind durch Unkenntnis der Gesamtliteratur unzählige Formen mehrfach beschrieben worden. Alle Aufträge und Bitten erledigte Graf Vitzthum mit der ihm eigenen Gewissenhaftigkeit und Genauigkeit aufs peinlichste. In kürzester Zeit bekamen alle Antwort, wobei Autor, Jahreszahlen, Synonyme und die maßgeblichen Literaturangaben in der Regel beigefügt waren.

Vitzthums besonderes Interesse galt stets den parasitären Milben, die in der Human- und Veterinärmedizin eine wichtige Rolle spielen. So schrieb er über den Parasitismus von Wassermilbenlarven, über parasitische Milben an Hummeln, Bienen, Pelztieren, an Schlangen, Vögeln und Säugetieren. Abhandlungen über die Krätzemilbe (Sarcoptesfrage) und die Trombidiose (die Herbstbeiße, zu der auch der berüchtigte Pasinger oder Sendlinger Beiß in München gehört), Milben als Pestträger waren von allgemeiner Bedeutung. Ameisen-, Honig-, Federmilben, die Acarofauna der Harzflüsse und schließlich Borkenkäfermilben waren weitere seiner Arbeitsgebiete. In H. Wichmann, einem Borkenkäferspezialisten, hatte Vitzthum einen ausgezeichneten Milbensammler. So konnte er in Acari als Commensalen von Ipiden (Borkenkäfern) Deutonymphen, gesammelt von Käfern aus aller Welt, beschreiben, dazu die Entwicklungsgänge von verschiedenen Milbenarten, die Uropoda obscura, sociata, longiseta und Dendrolaelaps cornutus. Milben im Wabenwerk der Honigbiene waren weitere Forschungsobjekte. Auch auf die unterirdische Acarofauna in Höhlen dehnte er seine Untersuchungen aus.



Weibchen von Trombicula irritans,
dorsal (nach Ewing).
Aus Vitzthum 1929.

Vithzhum hat über 80 Arbeiten aus dem Gebiet der Acarologie veröffentlicht, fast alle in führenden Fachzeitschriften. Die Zeitschrift für Parasitenkunde (Verlag von Julius Springer, Berlin), deren Mitherausgeber er war, enthält 15 Arbeiten aus seiner Feder, ein Beweis für seine rege Mitarbeit. Viele seiner wissenschaftlichen Ergebnisse veröffentlichte er in seiner eigenen Publikationsreihe Acarologische Beobachtungen.

Zu den Einzelarbeiten kommen noch seine großen zusammenfassenden Darstellungen in Kükenthal und Krumbach Handbuch der Zoologie, in Brohmer, Ehrmann, Ulmer Die Tierwelt Mittelleuropas, in P. Schulze Biologie der Tiere Deutschlands. Bei diesen Werken hatte Vitzthum stets auch ein wissenschaftliches "Pendant": Karl Viets veröffentlichte mehr oder weniger zeitgleich stets entsprechende Werke über die Wassermilben.

Pediculoides ventricosus Newp.
Weibchen mit parasitierendem Männchen.
Aus Vitzthum 1923.

Hermann Graf Vitzthum und sein Wissenschaftskollege Karl Viets haben als letzte versucht, das gesamte acarologische Wissen ihrer Zeit zusammenhängend darzustellen. Viets in Die Milben des Süßwassers und des Meeres (Bibliographie, Katalog, Nomenklator; Jena 1955, 1956) und Vitzthum mit Acarina in Bronns Klassen und Ordnungen des Tierreichs, 5. Buch, Leipzig 1943, teils posthum. Beides sind Werke mit über tausend Seiten. Mit ihren Werken haben sie in der ersten Hälfte unseres Jahrhunderts die Grundlage für eine deutschsprachige Milbenkunde geschaffen. Schon 1929 hatten die beiden in Brohmers Die Tierwelt Mitteleuropas die Land- und die Wassermilben bis zur Art beschrieben, eine Kurzfassung davon gaben sie in Brohmers Fauna von Deutschland. Sie waren zwei Milbenforscher par excellence, und jeder, der mit Milben umgehen will, muß auch heute noch ihre Werke zu Rate ziehen.

Vitzthum hat sich seiner Aufgabe aus ideellen Gründen gewidmet, ohne materielle Vorteile durch die Wahl seines Forschungsgegenstandes zu gewinnen, ganz im Gegenteil. Beim Ringen um Meisterschaft ließ ihn auch der harte Existenzkampf nicht erlahmen, ebenso war er stets um einen unantastbaren Ruf hinsichtlich des fachlichen Könnens bedacht. Erst nach kritischster Würdigung, Wort für Wort, schrieb er etwas nieder und gab es aus der Hand. Seine Manuskripte waren ausgereift und druckfertig, kaum ein Wort wurde je darin geändert. Nur große Hingabe an die selbstgewählte Aufgabe kann erklären, wie er mit dieser Sorgfalt im Detail so umfangreiche Werke hat schaffen können. Er arbeitete konzentriert und vermied Ablenkungen und Unterbrechungen. Obschon er leidenschaftlich gerne kochte - wie für seine parasitischen Milben hatte er auch einen umfangreichen Karteikasten für Rezepte - achtete er doch darauf, daß ihm dadurch nicht zu viel Arbeitszeit verloren ging. Deshalb hatte er eine Vorliebe für Gerichte, die er in den Ofen schieben konnte, weil er dann während der Garzeit am Mikroskop weiterarbeiten konnte.

Nicht nur wissenschaftliche Anerkennung hat Graf Vitzthum sich erworben, auch hohe Orden wurden ihm verliehen. Dennoch blieb er der stille Gelehrte, der auch die Leistungen anderer neidlos und aufrichtig anerkannte. In seinem Werk Acarinen. Résultats Scientifiques du Voyage aux Indes Orientales Néerlandaises de LL. AA. RR. le Prince et la Princesse Léopold de Belgique (1931) schreibt er zum Beispiel auf Seite 37: "Wer sich heute mit einer Frage aus der Systematik der Bdellidae befassen will, stößt auf Schwierigkeiten, sich so auszudrücken, daß keine Mißverständnisse entstehen können. Denn auch neueren Autoren sind verwirrende Verwechslungen unterlaufen. Zu diesen muß ich leider auch mich selbst rechnen im Hinblick auf meinen Beitrag zur Tierwelt Mitteleuropas von Brohmer, Ehrmann und Ulmer ..."

Vitzthum hat neben der strengen Wissenschaft auch populär geschrieben, war ein treuer Mitarbeiter des MIKROKOSMOS. Er veröffentlichte von 1910 bis 1926 10 Artikel und das Angebot von Milbenpräparaten mit Beschreibungen in kleinen Mitteilungen. Dem Artikel Seltsames Vorkommen von Milben, Mikrokosmos 13, (1919/20) Seite 106 gab Vitzthum folgende Einleitung: Der Mikrokosmosleser hat schon wiederholt Bekanntschaft mit Milben gemacht, eigenartigen Tieren, die sich trotz der Winzigkeit oft durch ihre bizarre Form, mitunter auch durch Farbenpracht auszeichnen. Er weiß mit dem Planktonnetz aus fast jedem stehenden oder schnell fließenden Wasser Hydrakarinen zu fischen, weiß, daß er die phantastischen Analginen auf Vogelfedern, die Tetranychiden auf Blättern zu suchen hat und ist mehrfach darauf hingewiesen worden, daß die gewöhnlichen Stubenfliegen, die seine Fenster beschmutzen, oft hunderte von Wandernymphen des Anoetus muscarum mit sich herumschleppen.

Larve von Trombicula autumnalis SHAW 1790,
bald nach Beginn des Saugaktes mit voll entwickeltem "Stylostom".
Aus mehreren Mikrotomschnitten schematisch kombiniert.
(Das ist der "Herbstbeiß": Die Milbenlarve scheidet ein Speicheldrüsensekret ab,
das die Hornschicht des Wirtes ätzend durchdringt und eine verhornte Röhre bildet,
durch die die Larve ihren Nahrungssaft - hauptsächlich Fett, kein Blut - einsaugt.)
Aus Vitzthum 1929.

Auch bei seinen Mikrokosmos-Artikeln stehen die Schmarotzer im Vordergrund: Ein Parasit an Hummeln (4, S. 33), Die Insel-Wight-Krankheit der Biene (16, S. 89), Die Ohrenräude (19, S. 13), Federmilben (Analginen) (7, S. 189), Die Pelzmilben (Myobien) (14, 179). In Die Tetranychiden Deutschlands (6, S. 99; 108) gab Vitzthum die erste Gesamtdarstellung der Spinnmilben Deutschlands. Weitere Abhandlungen waren die Samtmilben (Thrombidiiden, Erythraeiden (17, S 99), Gäste unserer Schildläuse (12, S. 123) und schließlich Ein eigenartiger Begattungsvorgang (16, S. 171).

Graf Hermann war gerne Mitglied der Mikrobiologischen Vereinigung München. Für ihn selbst wie auch im Vereinsleben war es stets etwas besonderes, wenn er einen Vortrag vor den Mitgliedern hielt. Er war längst Ehrenmitglied, als sich in den dreißiger Jahren ein illustrer Mitgliederkreis im damaligen Vereinslokal der MVM, dem südlichen Isartorturm einfand, in dem heute das "Valentin-Musäum" untergebracht ist: Professor Dr. Hans Ammann, Professor Dr. Fritz Skell, Obermedizinalrat Dr. Gustav Seifert, Oberregierungsrat Karl Berling, Landgerichtsdirektor Rudolf Binsfeld, Dr. Schanzer, Dr. Helmut Thaler - und Dr. Hermann Graf Vitzthum.

Professor Dr. A. Hase von der Biologischen Reichsanstalt, Berlin-Dahlem, Herausgeber der Zeitschrift für Parasitenkunde, erinnert sich 1942 in seinem Nachruf auf Hermann Graf Vitzthum: "Freiwillig übernommene Pflichten der zoologischen Wissenschaft gegenüber gingen ihm über alles. Den äußeren, in den späteren Lebensjahren oft drückenden Verhältnissen gegenüber wußte er mit Lebensklugheit und trockenem Humor in allen Lebenslagen zu begegnen. Aber seine sicheren Rechte wahrte er mit Würde und frei von Dünkel, und, wie er selbst einmal bei einer für ihn unerfreulichen Auseinandersetzung sagte: Wenn es Kopf und Kragen kostete. Anderen gegenüber war er der zuverlässigste, nie erlahmende Ratgeber; gewinnend und liebenswürdig gegen jeden. Graf Vitzthum war Edelmann im besten Sinne. Aber nicht durch Herkommen und Erziehung, sondern auf Grund seiner inneren Werte, auf Grund seines reinen Charakters. Für ihn gilt in vollem Umfange das Wort "Mehr sein als scheinen".

Zu dieser Beschreibung seiner Person mag das Bildnis Vitzthums als Ordensritter oder Kammerherr des Großherzoglichen Hofes in Weimar nicht so recht passen. Zwar habe ich es aus Effekthascherei mit Bedacht an den Anfang dieses Aufsatzes gestellt, doch muß nun eine kleine Korrektur erfolgen, denn Graf Hermann sah sich selbst nicht so. Pflichtschuldig sitzt er da in vollem Ornat, um sich für die Familiengalerie der Vitzthums malen zu lassen. Er fühlt sich nicht wohl, und dem aufmerksamen Betrachter des Bildes entgeht Vitzthums skeptischer Blick ebensowenig wie dem einfühlsamen Künstler. Vitzthums Abneigung gegenüber allem Pompösen und Prunkhaften genießt auch der Leser seiner Werke in den klaren, knappen und doch lebendigen Darstellungen. Mit einer Fotografie, die ihn so zeigt, wie er sich selbst und wie ihn seine Familie sah, soll ihm deshalb Genugtuung widerfahren.




Wovor fürchtest du dich ?

Hermann Graf Vitzthum hatte mit Thomas Mann und mit anderen Jungen während ihrer Lübecker Gymnasialzeit zusammen bei einem Pfarrer in Kost und Logis gewohnt. (Hermanns Eltern lebten damals in Mecklenburg.) Die Freundschaft mit Thomas Mann war dauerhaft, sie trafen sich im späteren Leben mehrmals, besuchten einander und standen in Briefwechsel. In Thomas Manns Tagebüchern aus den Jahren 1918 bis 1921 kommt Hermann mehrfach vor, auch im zweiten Band der Mann-Biografie von Peter de Mendelssohn. Hermanns Tochter Marie-Helene Dorothee war mit Golo Mann befreundet und eine Patentocher Thomas Manns. Aus diesem Lübecker Freundeskreis existiert eine Art Poesie-Album von Ilse Martens, die in Thomas Manns Königliche Hoheit als Fräulein Isenschnibbe in die Literatur eingegangen ist. Hermann "war ihr Freund während der Primanerabende und auch später". Im Poesie-Album von Ilse Martens gab es eine Rubrik "Erkenne Dich selbst", in der sich auch eine Eintragung des Primaners Hermann Graf Vitzthum findet. Einige Antworten seien hier wiedergegeben.

Deine Lieblingseigenschaften am Manne ? - Geistesgegenwart, Mut und Humor.
Deine Lieblingseigenschaften am Weibe ? - Offenheit und Heiterkeit.
Deine Lieblingsbeschäftigung ? - Die Welt zu besehen.
Deine Idee vom Glück ? - Seine Ziele zu erreichen.
Welcher Beruf scheint Dir der beste ? - Jeder, zu dem man paßt,
je schwieriger desto besser.
Wo möchtest Du leben ? - Überall.
Wann möchtest Du gelebt haben ? - Zu allen Zeiten,
besonders während der Renaissance.
Deine Idee von Unglück ? - Keinen Erfolg zu haben.
Dein Hauptcharakterzug ? - Über alles zu spotten.
Deine Lieblingsschriftsteller ? - Horaz, Shakespeare, Turgenjeff, Loti und Nietzsche.
Deine Lieblingsmaler und -bildhauer ? - Murillo, Alma Tatema und Böcklin.
Deine Lieblingskomponisten ? - Die der holländischen Volkslieder
des 16.-17. Jahrhunderts und Bizet.
Lieblingshelden in der Geschichte ? - Caesar, Gelimer, Cromwell, Karl XII
und Friedrich d. Gr., Napoleon I.
Lieblingscharaktere in der Poesie ? - Siegfried, Faust, Wallenstein und Julian Apostata.

Die Fragen und Antworten entstammen einem Artikel im Familienbuch der Vitzthums von Prof. Dr. phil. Peter Robert Franke, Saarbrücken. Er trägt in der Überschrift eine weitere Frage, die Hermann Graf Vitzthum von Eckstädt im Jahre 1895 beantwortet hat:

Wovor fürchtest Du Dich ? - Nur vor der Dummheit.


Eine Ameise (Lasius) mit
zwei Fühlermilben behaftet.
Nach Janet.
Aus Vitzthum 1923.





Dank

Ich danke Herrn Georg Graf Vitzthum von Eckstädt, Frankfurt am Main, Frau Ruth Gräfin Vitzthum, Garmisch-Partenkirchen, und Frau Wendula Gräfin von Klinckowstroem, Freiburg i. B., für freundlichst überlassene Auszüge aus dem Familienbuch, Notizen und Fotografien.


Quellen

  • Franke, P. R.: Wovor fürchtest Du Dich ? - Nur vor der Dummheit. Eine Selbstcharakteristik von Hermann Graf Vitzthum von Eckstädt aus dem Jahre 1895. (Auszug, Seiten 63-64 aus dem Familienbuch)
  • Hase, A.: Hermann Graf Vitzthum . In: Z. f. Parasitenkunde, Bd. 12 (1942) 501-506, J. Springer, Berlin-Dahlem.
  • Familienbuch (Vitzthum) Seiten 57-58; No 11 (I No 62)
  • Hirschmann, W.: Zwei große deutsche Milbenforscher: Hermann Graf Vitzthum und Karl Viets. In: Mikrokosmos 68 (1979) 341-343.
  • Genealog. Handb. d. Dtsch. Adels. Abt. Gräfliche Häuser A, Bd. VI, C. A. Starke Verlag, Limburg/Lahn 1970.

Bildquellen (Werke Vitzthums)

  • Eine neue Milbengattung und -art als Parasit von Odnerys (Lionotus) delphinalis Giraud 1866. In: 10. Reihe der Acarologischen Beobachtungen 1925.
  • Acarina. In: Biologie der Tiere Deutschlands. Hrsg. Dr. Paul Schulze, 1923.
  • Systematische Beobachtungen zur Frage der Trombidiose. 1929.


Dieser (geringfügig überarbeitete) Aufsatz erschien zuerst in: "µ" - Mitteilungen der Mikrobiologischen Vereinigung München e.V., Heft 4 1997.


Link zum umfangreichen Verzeichnis Milben-Literatur

Link zu Graf Vitzthums Milbenpräparaten in der Zoologischen Staatssammlung München: Vitzthums Milbensammlung



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